Zweite Probe und Pressekonferenz Serbien: Alles ganz sauber

5. Mai 2022 Reinhard Ehret

Konstrakta hatte in ihrer Probe heute leichte Probleme mit den In-Ears. Am Anfang saßen die wohl nicht ordentlich, später musste sie noch die Playback-Lautstärke anpassen lassen. Ihre Vorführung – und die der fünf hilfreichen Herrschaften – war aber jeweils unproblematisch. Konstrakta war sich stimmlich äußerst sicher und strahlte bei ihrer Geschichtenerzählung absolute Souveränität aus. Um sie herum wurde vom Begleitquintett rege geklatscht, gehüpft, Handtücher gereicht und mit denselben zwecks Trockung gewedelt. Am Schluss war und lief alles sauber. Damit wir die Botschaft verstehen – körperliche Sauberkeit nützt dir nix, wenn du eine schmutzige Gesinnung hast – wird uns zuweilen mit Untertiteln weitergeholfen. Später in der Pressekonferenz verriet sie uns, die Regularien erlaubten es leider nicht, den kompletten Song zu untertiteln, sondern nur einige Schlüsselsätze.

Gut 30 Akkreditierte fanden sich im ansonsten spärlich besetzten Pressekonferenzraum ein – nach der schon fast gewohnten Verspätung von einer knappen halben Stunde. Konstrakta bestätigte den offensichtlichen Sinn ihres Liedes: Gesundheitsmaßnahmen werden in unserer Zeit zur – kostspieligen – Pflicht und zu wenige kümmern sich um unsere innerliche und geistige Desorientierung in dieser Informationswelt. Den (körperlichen) Gesundheitswahn sieht Konstrakta als ein globales Problem. Sie wirft Fragen auf, kritisiert und will einfach nur thematisieren. Sehr gefreut hat sich die serbische Sängerin über einen ihr überreichten Preis, den ihr polnische Medienvertreter für denn innovativsten und kreativsten Beitrag verliehen.

Foto oben: EBU/Screenshot – Foto unten: EBU

 

Zweite Probe und Pressekonferenz Israel: Zwischen Sehnsucht und purer Lust

5. Mai 2022 Frank Albers

Man kann über Israels Michael Ben David sagen und denken was man will, aber er ist sicher der extremste und zugleich unterhaltendste Teilnehmer in diesem Jahr. Für manche mag er die größte Nervensäge sein, für andere ist er der wichtigste Botschafter für die schwule Bewegung im Mittleren Osten, für wieder andere ist er einfach nur ein glänzender Entertainer mit herausragendem Improvisationstalent.

Er turnt sich mit seinen langen Beinen aber vor allem mit Worten durch die Pressekonferenz, verteilt Liebkosungen und Komplimente an jeden der ihm über den Weg kommt und verrennt sich dabei oft auch in so manche inhaltliche Sackgasse. Seiner überbordenden guten Laune tut dies aber keinen Abbruch. Allerdings hat er auch eine andere, traurige Seite, die er zeigte, als er eine Ukrainerin bei der Pressekonferenz mit Tränen in den Augen in die Arme nahm. Michaels Familie stammt aus der Ukraine und ein Großteil seiner Verwandten lebt noch in Kiew.
Er stammt aus einer sehr religiösen Einwandererfamilie und sei daher sehr stolz auf die Unterstützung, die er durch seine Familie und vor allem seine Mutter erhalten würde. Überhaupt wäre Israel trotz der erzkonservativen religiösen Strömungen das toleranteste Land, zumindest im Mittleren Osten. Nirgends würde er soviel Unterstützng erhalten wie in Israel. Was beim israelischen Meet & Greet vor ein paar Tagen alles geschah könnt Ihr hier noch einmal nachlesen.

Als ihm die Fragen aus dem Online- und auch dem VorOrt-Pressezentrum nicht schnell genug gestellt wurden, ergriff er selbst die Initiative, lud Moderatorin Laura auf den Platz neben sich auf dem Podium ein und interviewte sie. Laura liebte diese Situation so sehr, dass sie am Ende der Pressekonferenz ein Selfie nach dem anderen mit Michael machte. Professionelle Distanz bei einem höchst extrovertierten und zugleich liebenswürdigen Mann wie Michael zu halten, dürfte selbst den abgeklärtesten Journalisten schwer fallen.

Michaels Extrovertiertheit kommt ihm natürlich auch bei seinem Aufritt zu gute. Die Probe lief reibungslos und der Auftritt hat alles was das Grand-Prix-Herz begehrt. Zuschauer außerhalb der Bubble bekommen mit Michaels Aufritt auch das kleineste Eurovision-Klischee bestätigt, er lässt einfach nichts aus: Weiße Anzüge, schwule Moves, Synchrontanz und eingehende Melodien – das ganze Programm eben.

(Foto 1,2: EBU/Screenshot, Foto 3: EBU)

 

Zweite Probe und Pressekonferenz Finnland: Nackte Brüste für alle?

5. Mai 2022 Frank Albers

The Rasmus ziehen ihre Probe routiniert und professionell durch, ganz genau wie bereits bei der ersten Probe. Das Einstiegsbild mit Leadsänger Lauri im gelben Regenmantel und einem gelben Luftballon ist außerordentlich drollig, bevor es dann richtig zur Sache geht und sich Lauri den gelben Mantel vom Leib reißt. Die Probendurchläufe liefen sehr reibungslos ohne Zwischenfälle. Die Band genießt die Probenzeiten, da sie sich da austoben und musizieren könnten. Die übrige Zeit würden sie in Turin fast nur Interviews geben und in der Musik wären sie doch deutlich mehr zu Hause.

Gestern gaben The Rasmus ein spontanes Konzert auf der Piazza Castello in der Turiner Innenstadt, wo sie „Jezebel“ und „In The Shadow“ spielten, aber erst richtig Stimmung aufkam, als sie eine Coverversion von „Volare“ spielten. Möglicherweise ein Zeichen, „Volare“ in ihr Repertoire aufzunehmen. Bisher hatten sie zudem immer gedacht, dass der MTV Award für den „Best Nordic Act“ der Höhepunkt ihrer Karriere wäre, aber der ESC-Sieg würde es noch einmal toppen.

Sehr emotional wurde es, als ein Fan aus der Ukraine der Band schilderte, dass sie gerade dabei waren eine Musikplattform in der Ukraine aufzubauen mit The Rasmus als erster Fokus. Sie wollten die Geschichte der Band von der Vorentscheidung bis nach Turin dokumentieren. Mit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine brach das Projekt zusammen und der Hauptinititor wurde ausgebombt. Die Bandmitglieder nahmen diese Geschichte sehr emotional auf und richten persönliche Grüße und Wünsche an den nicht anwesend sein könnenden Fan.

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Auch eine andere Frage brachte den sonst nicht um Worte verlegenen Lauri zum Nachdenken: In seinen Auftritten würde er regelmäßig seine nackte Brust zeigen, während Sängerinnen dies nicht dürften. Hätte er dadurch Frauen gegegenüber einen Vorteil? Er würde über diese Frage ernsthaft nachdenken wollen und vielleicht etwas ändern bei seinen nächsten Auftritten. Das Thema Genderequality wäre der Band aber auf jeden Fall sehr wichtig und sie versuchen, daran zu arbeiten.

(Foto 1,2: EBU/Screenshot)

Zweite Probe und Pressekonferenz Island: Sphärische Qualität und politische Ziele

5. Mai 2022 Reinhard Ehret

Text: Reinhard Ehret/Frank Albers

Die Isländerinnen zeigten sich heute unspektakulär, aber perfekt. Ihre zweite Probe war ziemlich klassisch in den bereits bekannten schicken orange-bräunlichen Farben gehalten, edle und dezente Muster schwirrten über die Rückwand und den Bühnenboden. Die Kamera schwebte elegant durch die Halle, um für Dynamik zu sorgen. Im Strophenteil gab es recht viele perspektivische Bildschnitte, aber insgesamt bekommt der Song vor allem im Steigerungsteil gegen Ende optisch eine sphärische Qualität. Systurs Gesangsdarbietung klang fast CD-tauglich perfekt. Den soften Countrysong hauchten sie sehr gut abgestimmt in ihre Mikros.

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In der anschließenden Pressekonferenz wurde noch einmal das starke soziale Engagement der Schwestern deutlich. Im Meet & Greet hatten sie bereits ausführlich und eindrücklich über ihr Engagement für Transgender-Kinder gesprochen, was ihr hier noch einmal nachlesen könnt. In der heutigen Pressekonferenz war ihr Einsatz für ukrainische Flüchtlinge das zentrale Thema. Die Schwestern machten deutlich, dass sie auch dann noch an der Seite der Ukraine stehen würden, wenn die Medien möglicherweise längst das Interesse am Thema verloren hätten. Überhaupt sehen sie den ESC wie ihre Kollegen der Band Hatari als eine Bühne, um wichtige Botschaften zu platzieren. Für sie ist die Frage, ob der Eurovision Song Contest politisch ist, ganz eindeutig geklärt. Wie es auch schon Marius aus der Schweiz ausgedückt hatte, sehen sie sich in großer sozialer globaler Verantwortung, als weiße Frauen aus einer hoch priviligierten weißen Gesellschaft.

Aber es ging natürlich auch um Musik und sie beschrieben den großen Einfluss ihrer Eltern auf ihre musikalische Prägung, die von Country, Soul, House bis Disco alles abdecken würde.

 

(Foto 1: EBU, Fotos 2: EBU/Screenshot)

Buongiorno zum 6. Probentag – Die BIG5 steigen ins Rennen ein

5. Mai 2022 Frank Albers

Ciao!
Der heutige Donnerstag verspricht so richtig spannend zu werden. Nicht, dass es bisher langweilig war, aber mit dem Probenbeginn der BIG5 kommen noch einmal ganz neue Geschichten dazu. Vor allem präsentiert sich mit Gastgeber Italien einer der Topfavoriten und auch die Mitfavoriten Spanien und Großbritannien steigen ins Rennen ein. Große Vorfreude und Neugierde besteht bei uns aber natürlich vor allem darauf, wie Malik Harris seinen Auftritt gestalten und wie er sich beim Meet & Greet der internationalen Presse verkaufen wird.  Das deutsche Team ist gestern auf jeden Fall sicher und heil in Turin eingetroffen. Auf dem Foto seht Ihr Malik den offiziellen ESC-Delegationsbus in Turin besteigen.

Bis zum Auftritt Maliks müssen wir uns allerdings noch etwas gedulden, da die deutsche Probe erst heute Abend um 18:15 und die deutsche Pressekonferenz sogar erst für 20:15 Uhr angesetzt ist.

Das Programm beginnt heute um 10 Uhr mit der Probe Islands,
dem folgen
Norwegen
Armenien
Finnland
Israel
Serbien
Aserbaidschan
Georgien
Malta
San Marino
Frankreich
Italien
Großbritannien
Spanien
und zum Abschluss Deutschland

Wir wünschen Euch einen großartigen Probentag. Alles was Ihr zu den Ereignissen wissen müsst, findet Ihr im Laufe des Tages hier bei uns auf ogae.de
Euer
OGAE-Team

(Foto: Bayerischer Rundfunk)

Franks Nachtgedanken zum 5. Probentag (4. Mai)

4. Mai 2022 Frank Albers

Frank schaut zurück auf den 5. Probentag (4. Mai) und auf was sonst noch so geschehen ist.

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Editor: Reinhard Ehret

Zweite Probe und Pressekonferenz Kroatien: Tonprobleme im rosa Kleid

4. Mai 2022 Frank Albers

Die heutige Probe Kroatiens verlief technisch einigermaßen holprig und Mia war alles andere als zufrieden und schimpfte laut über die „sound issues“, auch wenn sie später in der Pressekonferenz beschwichtigte, dass alles wunderbar in Ordnung sei. Aber dazu sind Proben ja auch da. Ärger hatte das Team mit der Synchronität, die Backing Tracks liefen knapp zeitverzögert und zum kroatischsprachigen Teil des Liedes wurden die englischen und nicht die kroatischen Chorstücke eingespielt. Das kommt eben davon, wenn man auf einen Live-Chor verzichtet.
Mia selbst war hervorragend bei Stimme und die technischen Patzer lassen sich bis zur nächsten Probe sicher gut lösen.

Aber Mia war insgesamt heute vom Technikpech verfolgt, denn zur Hälfte ihrer Pressekonferenz fiel der Ton aus, so dass nur die kleine Handvoll Journalisten und Fans ihren Ausführungen und ihrer Gesangseinlage folgen konnten, die online dazugeschalteten Journalisten (die große Mehrheit also) hörte nichts mehr. In dem Teil der Pressekonferenz der noch zu verfolgen war, erläuterte sie noch einmal warum sie sich gegen das eher lässige Outfit der kroatischen Vorentscheiung DORA und für eine sehr feierliche rosafarbene Festrobe entschieden habe. Der Auftritt beim ESC wäre etwas ganz besonders und sollte durch entsprechende Garderobe gewürdigt werden, meinte sie. Geschmäcker gehen bekanntlich oft auseinander und so wohl auch bei diesem Kleid, das ihr sämtliche Jugendlichkeit nimmt, sie selbst es aber voller Stolz trägt.

 

(Fotos: Foto1: EBU, Foto 2,3: EBU/Screenshot)

Zweite Probe und Pressekonferenz Bulgarien: Rock is still alive!

4. Mai 2022 Frank Albers

Im Hintergrund erhebt sich eine Art Neon-Iglu, wenn das Intellignet Music Project aus Bulgarien die Bühne in Turin betritt. Entsprechend kühl bleibt das Licht anfangs auch, eisig-scharfe Grau- und Blautöne überwiegen, bis das Licht in der Mitte des Lieds in feuriges Rot wechselt und mit den sich steigernden Riffs der Gitarren in ein großes Feuerwerk mündet. Pyro gehört bei Hardrock einfach zwingend dazu. Die Probe lief gut und die Band ist routiniert genug sich durch nichts aus dem Konzept bringen zu lassen, aber es gab auch keinen Grund dazu.

 

Die Band um Leadsänger Ronny Romero fühlt sich rundum wohl in Turin und auf der ESC-Bühne, mit den Proben waren sie zufrieden und sie freuen sich sehr auf das Halbfinale nächste Woche. ESC-Veteran Stojan, der Drummer der Band steht vor seiner dritten Teilnahme, wiederholte noch einmal seinen Rat, alles entspannt anzugehen und diesen großartigen Wettbewerb einfach nur zu genießen. Mit nicht weniger Freude würden sie allerdings auch der Veröffentlichung ihres neuen Albums entgebenfiebern, das im Juli erscheinen soll und neben ihrem ESC-Titel „Intention“ noch drei weitere Titel enhalten wird, die in der engeren Auswahl für den ESC standen. Gemeinsam mit dem bulgarischen Fernsehen hätte man sich dann aber für den harmonischsten der vier Titel entschieden.

Etwas ungewohnt wäre es für sie, auf der ESC-Bühne nicht live spielen zu dürfen sondern nur so zu tun. Sie würden natürlich verstehen warum dies aus technischen Gründen notwendig ist, aber wohler würden sie sich fühlen, wenn sie ihre Instrumente live und real spielen dürften. Für den Zuschauer vor dem Fernseher wäre das akustische Erlebnis aber gleich gut.
Mit Maneskin als Sieger im Vorjahr wäre endlich das Gerücht aus der Welt geräumt worden, dass Rock sterben würde. Natürlich habe Rock nicht mehr die Mainstreem-Vorherrschaft wie es in den 80ern oder 90ern der Fall gewesen wäre, aber es wäre immer noch sehr lebendig und für viele Menschen eine Lebenseinstellung.

Die Lieblingslieder aus diesem Jahrgang kommen für die Band aus Moldau, der Ukraine, Serbien, Großbritannien und Kroatien. Ronny ist überhaupt ein großer Eurovision-Fan, obwohl er als Chilene erst 2008 erstmals vom Wettbewerb durch Freunde in Spanien gehört hätte, ihn seit dem aber mit großer Begeisterung verfolgt.

 

(Foto 1, 3: EBU/Screenshot, Foto 2: EBU)

 

 

 

 

 

 

Zweite Probe und Pressekonferenz Ukraine: Musik in die Welt tragen

4. Mai 2022 Frank Albers

Die Bühne erscheint während des Auftritts des Kalush Orchestras dunkelorange mit hell leuchtender Sonne im Hintergrund, dazu spielt die Band optisch mit langen Schatten, die die Musiker auf den Bühnenboden werfen. Folkloristische Symbole umtanzen dabei die Band, auch die Figuren in den, aus der Ferne schwarz-rot-gold leuchtenden, Zottelkostümen sind weiterhin wichtiger Bestandteil der Inszenierung. Zum Ende des Auftritts leuchtet die Bühne in den ukrainischen Farben blau und gelb. Im Hintergrund erscheinen zudem weinende Augen, die durch die defekte Drehsonne aber nahezu verdeckt bleiben und kaum zu erkennen sind, der damit geplante Effekt geht somit weitestgehend verloren. Diese Augen und Tränen aber auch die ebenfalls projizierten Hände sollen die ukrainischen Mütter symbolisieren, für die „Stefania“ bereits vor dem Krieg geschrieben wurde. Nach Ausbruch des Krieges hat sich diese Symbolik noch einmal verstärkt und bringt nun die Hoffnung auf neues Leben zum Ausdruck.

In der Pressekonferenz ging es stark um die Auswirkungen des Krieges auch auch auf das ukrainische Ergebnis. Die Prognosen der Buchmacher, die die Ukraine derzeit deutlich auf dem ersten Platz sehen, haben die Mitglieder von Kalush Orchestra wahrgenommen, es war ihnen aber wichtig zu betonen, dass bereits vor Ausbruch des Krieges, das Lied bei den Buchmachern realtiv weit vorne lag. Es ginge also auch um die Qualität des Liedes und die Band hofft, dass, sollten sie gewinnen, das Lied aufgrund seiner Qualität gewählt werden wird.

Dennoch wären sie natürlich allen Fans und Musikerkollegen sehr dankbar für die Untertsützung die die Ukraine in diesen extremen Kriegszeiten erhält. Ganz besonders den Vorjahressiegern Maneskins, die ihr letztes Konzert mit  „Fuck Putin“ beendeten. Dies würde sie selbst immer wieder darn erinnern, dass auch eines ihrer Bandmitglieder nicht mit nach Turin kommen konnte, da er in der Armee unabkömmlich gewesen sei und Kiew verteidige. Die übrigen Bandmitglieder durften das Land nur mit einer Sondergenhmigung verlassen, um am ESC und den Pre-Eurovision-Konzerten teilzunehmen. Diese Sonderstellung würde ihr Verantwortunggefühl, die Ukraine zu repräsentieren, noch zusätzlich erhöhen. Nach dem ESC würden sie wieder nach Kiew zurückkehren und dort u.a. in einer Hilfsorganisation zur Unterstützung der Zivilbevölkerung arbeiten.
In Beug auf ihren Beitrag „Stefania“ hätte der Krieg die Auswirkung gehabt, dass das Lied international noch stärker wahrgenommen wurde, aber darauf hätten sie selbstverständlich keinen Einfluss. Das einzige was sie tun könnten wäre, ihren Auftritt so professionell wie möglich vorzubereiten. Ein gutes Abschneiden wäre zudem eine wundervolle Auszeichnung für die ukrainische Musik insgesamt, die überdurchschnittlich divers und aufgrund ihrer starken ethnischen Einflüsse auch recht einmalig sei.

Die Frage nach einem möglichen Austragungsort in Europa für den Fall, dass die Ukraine den ESC gewinnen sollte, beantwortete der Sänger voller Hoffnung aber auch Selbstbewusstsein mit „natürlich in der Ukraine, in einer wieder aufgebauten und stolzen Ukraine“.

 

(Foto 1. EBU/Screenshot, Foto 2,3: EBU)

 

 

 

 

 

Zweite Probe und Pressekonferenz Schweiz: Das Disney-Gefühl

4. Mai 2022 Frank Albers

Marius aus der Schweiz hatte heute seine zweite Probe und seine zweite Pressekonferenz. Die Probe zeigte Marius, frisch blondiert, mit kräftigem Kajal-Lidschatten und großem Kreuz am Ohr, erneut auf einer sehr dunklen Bühne mit dunkler Lederjacke nur mit einem auf ihn gerichteten Spotlight. Später in der Pressekonferenz sagte er, dass es zwar eine dunkle Bühne ist, aber aus der Dunkelheit das Licht und die Hoffnung wächst. Das möchte er symbolisieren. Zudem wären sie noch nicht ganz fertig mit dem Lichtdesign der Bühne. Es ist ihm ohnehin sehr wichtig zu betonen, dass es sich bei „Boys Do Cry“ nicht um ein trauriges Lied handelt sondern um ein Lied, das Hoffnung bringt und gute Gefühle vermittelt. Sein Lied gibt Marius selbst beim Singen ein wohliges Gefühl von Geborgenheit, er nennt es das „Disney-Gefühl“, vor allem in dem Moment wenn ihm ein gebrochenes Herz auf die Wange projiziert wird.

Die Idee die Kamera ganz auf ihn zu fokussieren gefällt ihm ausgesprochen gut. Auf diese Weise hätte er das Gefühl, beim Zuschauer direkt ins Wohnzimmer hineinschauen zu können und bei jedem einzelnen privat zu Hause zu sein. Eine Art von Flirt nicht nur mit der Kamera, sondern direkt mit dem Zuschauer wäre es zudem natürlich auch.

In der Pressekonferenz schilderte er, wie als als Soldat bei der Schweizer Armee zur Musik gekommen ist. Wie beim Militär üblich, musste er hin und wieder lautstark Befehle erteilen. Dabei fiel seinem Vorgesetzten seine starke Stimme auf. Er überzeugte ihn dann die Stimme nicht nur zum Brüllen sondern auch zum singen einzusetzen. Das Ergebnis war, dass Marius die Armee verließ und Straßenmusiker wurde. Es blieb aber nicht beim Singen allein, sondern er begann auch zu komponieren und zu texten, auf Englisch und auf Schweizerdeutsch. Ein frühes Werk auf Schweizerdeutsch stellte er dann auch kurz auf der Pressekonferenz vor.

 

Marius ist aber nicht nur durch die Schweiz („ich bin ein priviligierter weißer Schweizer, habe somit keinen Grund, mich über irgendetwas zu beschweren“) und die Schweizer Armee geprägt, sondern auch durch die Zeit, die er in Australien verbracht hat. Dort hat er noch mehr zur Musik gefunden aber auch das Selbstbewusstsein entwickelt, vor Publikum aufzutreten und Livemusiker zu werden.

(Foto 1: EBU, Foto 2,3: EBU/Screenshot)