
5. Mai 2025 Reinhard Ehret
Unser Mitglied und EURO-VOICE-Autor Norman Reuter hatte die Gelegenheit, mit der Band Ziferblat aus der Ukraine – genauer gesagt mit Danylo und Valentin Leschchinsky sowie Schlagzeuger Fedir Hodakov – ein exklusives Interview zu führen. Die Band erhielt bei der ukrainischen Vorentscheidung von den Zuschauern die meisten Anrufe, in der Jurywertung landete sie auf Platz zwei. In Basel wird sie das Lied „Bird Of Pray“ präsentieren.
Die Band Ziferblat besteht seit 2015 – und letztes Jahr habt ihr bereits versucht, ein Ticket für den ESC zu lösen. Warum ist für euch eine Contest-Teilnahme so reizvoll?
Valentin: Vor allem ist es ein Kindheitstraum. Wir sind seit 2007 Eurovision-Fans, und natürlich freuen wir uns sehr, Teil dieser Geschichte zu werden. Es ist eine große Herausforderung.
Was inspiriert euch musikalisch? Ihr wirkt sehr modern, aber gleichzeitig gibt es auch Bezüge zu den 70er-Jahren.
Danylo: Seit meiner Kindheit habe ich mich von klassischer Musik und Rock’n’Roll inspirieren lassen. Meine Vorbilder waren Maurice Ravel und Chopin. Was den Rock’n’Roll angeht, so habe ich schon immer den Art-Rock-Stil geliebt, und meine größten Einflüsse stammen von Peter Gabriel, Kate Bush und Robert Fripp. Diese Künstler haben meinen Musikgeschmack am meisten geprägt. Heute versuche ich, Musik in Maßen zu hören – zu viele Melodien können meine musikalische Vorstellungskraft stören. Ich kann nicht einmal eine Top-10-Liste auf Streaming-Diensten für ein Jahr zusammenstellen; sie endet immer mit obskuren Ambient-Künstlern, die niemand kennt sich wahrscheinlich auch nicht anhört.
Valentin: Um ehrlich zu sein, höre ich nicht mehr so viel Musik wie früher. Meine größten Einflüsse waren Bands aus den 70ern wie Led Zeppelin. Ich liebe auch Damon Albarn, von Blur bis Gorillaz. Was moderne Künstler angeht, so mag ich Angel Olsen und Tyler The Creator sehr. Der größte ukrainische Künstler ist für mich immer noch Okean Elzy. Von den moderneren Bands mag ich auch Arcade Fire. Das Album von Doechii hat mir sehr gut gefallen. Diese Sängerin hat vor jüngst den Grammy für den besten Rap-Künstler gewonnen. Ich glaube, sie ist die dritte Frau in der Geschichte, die das geschafft hat.
Fedir: Meine Lieblingskünstler seit meiner Kindheit: Die Beatles, Stevie Wonder, Metallica, U2. Während meiner kreativen Arbeit hat die Musik meiner Kollegen einen großen Einfluss. Sie inspiriert mich und erfüllt mich mit Ideen. Kürzlich habe ich die Band A Perfect Circle entdeckt, und sie hat mir gefallen. Da sich meine Stimmung jeden Tag ändert, höre ich verschiedene Genres – von Jazz über 70er-Jahre-Soul bis hin zu modernem progressiven Metal. Auch Popmusik meide ich nicht.
Die Band hat einen außergewöhnlichen Namen: Wie kam es zum „Ziferblat“?
Valentin: Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht sicher, was ein „üblicher“ Name für eine Rockband überhaupt ist! Wir haben eigentlich keine besondere Geschichte dahinter. Es gibt ein Café in Kiew, das Ziferblat heißt und wir haben dort unser erstes Konzert gespielt ? also gibt es dazu vielleicht eine kleine Verbindung. Aber ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Was ich sagen kann, ist, dass wir gerne Stile aus verschiedenen musikalischen Jahrzehnten mischen und „Zifferblatt“ hat mit Zeit zu tun. In gewisser Weise ist das eine gute Metapher für unsere Musik.
Worum geht es im ESC- Beitrag „Bird Of Pray“? Habt ihr ihn selbst geschrieben und wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Valentin: Natürlich haben wir ihn selbst geschrieben. Alle unsere Songs werden von der Band geschrieben. Ich habe im Sommer 2024 angefangen, daran zu arbeiten. Wir hatten bei der letzten nationalen Auswahl ein gutes Ergebnis erzielt – den zweiten Platz mit unserem Song „Place I Call Home“. Das nächste Ziel war, etwas Komplexeres, sehr Emotionales zu schaffen. Ich begann mit dem Instrumentalteil und ging dann zum Text über. Ich wählte „den Vogel“ als zentrales Symbol des Liedes – er steht für Freiheit, Hoffnung und Veränderung. Er hat eine tiefe Bedeutung für die Ukrainer, denn der Vogel ist ein starkes Symbol in unserer traditionellen Kultur.
Die Ukraine hat in den letzten Jahren gute Platzierungen erreicht, nicht zuletzt zwei Siege 2016 und 2022. Wie erklären ihr euch den Erfolg des Landes beim ESC?
Valentin: Hmm… Ich weiß es nicht, um ehrlich zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass die Ukrainer den Eurovision Song Contest sehr ernst nehmen und unsere nationalen Vorentscheidungen jedes Jahr unglaublich stark sind. Also schicken wir jedes Mal unseren besten Song. Und natürlich ist das Niveau der Vorbereitung immer hoch. Die Ukrainer sind talentiert – was soll ich sagen?
Danylo: Es ist eine Kombination von mehreren Faktoren. Ich stimme meinem Bruder zu – der Erfolg der Ukraine beim Eurovision Song Contest kommt nicht von ungefähr. Er hängt damit zusammen, wie beliebt der Wettbewerb in unserem Land ist. Trotzdem gibt es noch Raum für Wachstum. Ich persönlich würde es gerne sehen, wenn sich unsere nationale Auswahl zu etwas entwickeln würde, das sein eigenes Leben führt – wie Sanremo in Italien oder Melodifestivalen in Schweden. Das ist das nächste Ziel.
Welche Chancen rechnet sich „Ziferblat“ in Basel aus?
Valentin: Ich kann nicht wirklich etwas über unsere Chancen sagen. Wir haben unser Ziel, und ich würde es in zwei Bereiche aufteilen. Der erste Teil ist, die Europäer an den Krieg zu erinnern und um weitere Unterstützung zu bitten. Die Menschen helfen jeden Tag und dafür sind wir unglaublich dankbar. Aber die Situation wird immer schlimmer und daran muss die Welt erinnert werden. Das zweite Ziel ist es, sich für das Finale zu qualifizieren – etwas, das die Ukraine jedes Jahr geschafft hat. Und dann wollen wir zumindest unter die ersten Fünf kommen. Am liebsten würden wir den Eurovision Song Contest zurück in die Ukraine holen. Das wäre unglaublich.
Welchen Stellenwert hat die Musik in der Ukraine – und wie verändert sich das angesichts des Krieges?
Daniel: Krieg und Schmerz waren schon immer die treibenden Kräfte hinter kulturellen Revolutionen. Das ist schwer zuzugeben, aber die Geschichte beweist es – und unser Land ist da keine Ausnahme. Im Moment sind ukrainische Künstler aktiver denn je und schaffen echte Musik, die in den Herzen der Menschen ankommen soll.
Das Interview führte Norman Reuter.