Kasachstan beim ESC – Ein Interview mit Marco Brey (Almaty)

10. Juli 2025 Frank Albers

Die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Debut von Kasachstan beim ESC 2026 feiern werden, ist groß.
Um ein wenig zu erfahren, was die Kasachen so am ESC begeistert und was wir möglicherweise aus Kasachstan zu erwarten haben, hat sich Frank Albers mit Marco Brey unterhalten, einem ausgesprochenen Kenner des Landes und des ESC.

Marco wurde in Bayern geboren, ist Gründungsmitglied von OGAE Germany und ehemaliger Autor bei ogae.de sowie eurovision.tv (EBU). Bereits 2018 ist Marco aus Deutschland ausgewandert, zunächst nach Moskau. Dort ist sein Interesse an Zentralasien stetig gewachsen, so dass sich sein Lebensmittelpunkt letztendlich nach Kasachstan verlagert hat. Heute wohnt er in Almaty, der größten Stadt des neuntgrößten Landes der Welt. Beruflich ist er aber vor allem in Turkmenistan und Usbekistan tätig. Seine Begeisterung für den ESC hat dabei nie nachgelassen.

Lieber Marco, was bekommt man (außerhalb der ESC-Fanblase) in den kasachischen Medien vom Eurovision Song Contest überhaupt mit?
Den Eurovision Song Contest kennt in Kasachstan jeder. Dabei hängt die Wahrnehmung des ESC über die Zeit hinweg sehr stark davon ab, welche Acts gerade in der internationalen Presse Schlagzeilen machen, sowie welche Songs es in die Hitlisten schaffen. Conchita Wurst hat man nicht vergessen, Rosa Linns „Snap“ hört man heute noch im Radio, und die Superstars aus Russland – von Alla Pugatschowa bis Sergey Lazarev – sind natürlich auch in Kasachstan echte Hausnummern.

Ohne dass Kasachstan bisher jemals am ESC teilgenommen hat, gibt es im Land seit mehreren Jahren einen recht aktiven Fanclub mit einer Website, die auch international von Fans wahrgenommen und gelesen wird. Woher kommt dieses Interesse?
Erst einmal muss ich widersprechen: Kasachstan hat einen sehr klaren Bezug zur Eurovision – das Land hat insgesamt fünf Mal am Junior ESC teilgenommen und dabei zwei Mal den zweiten Platz belegt. Wie auch in anderen osteuropäischen Ländern – etwa Georgien oder Weißrussland – ist also der Kindergesangswettbewerb oftmals präsenter in der öffentlichen Wahrnehmung als der ESC selbst. Darüber hinaus hat man in Kasachstan fast drei Jahrzehnte lang den ESC im russischen Fernsehen verfolgt.

Gerade einmal 5% der kasachischen Landesfläche liegt geographisch in Europa. Wie europäisch fühlen sich die Kasachen überhaupt? Wie wichtig ist ihnen die Einbindung in europäische Wettbewerbe wie dem ESC?
Kasachstan war schon immer ein Land, in dem sich die Kulturen Europas, Asiens und des Nahen Ostens begegnen und vereinen. Man ist sehr stolz auf die kulturelle Eigenständigkeit, aber auch darauf, dass hier Menschen verschiedenster Herkunft friedlich zusammenleben. Eine eindeutige politische oder wirtschaftliche Zuordnung zu einem dieser Kulturkreise trifft man nicht. Man pocht auf die eigene Neutralität und bemüht sich, in alle Richtungen Offenheit zu zeigen.

Nun bemüht sich das kasachische Fernsehen schon seit Jahren vergeblich um eine ESC-Teilnahme. Wieso könnte es 2026 realistischer werden, dass es zu einer Einladung durch die EBU kommt?
Ich würde die „Vorgeschichte“ Kasachstans eher mit der Australiens vergleichen: Man hat sich über die Jahre hinweg stetig an den ESC herangetastet, Liveübertragungen organisiert, am JESC teilgenommen. So ist gegenseitiges Vertrauen zur EBU und den Vertretern der europäischen Fernsehsender entstanden. Technisch und künstlerisch hat man beim JESC bewiesen, dass man weiß, worum es geht. Gleichzeitig gab es immer auch Hindernisse, etwa die Zeitverschiebung, die insbesondere bei der Liveübertragung der Semifinals an Wochentagen zu tiefster Nacht zu mäßigen Einschaltquoten führen könnte. Nun scheint es, als seien beide Seiten bereit, sich einen Ruck zu geben und es einfach mal zu probieren.

Im Fußball ist Kasachstan Mitglied des europäischen Fußballverbands UEFA und nimmt an allen Wettbewerben für Clubs und Nationalmannschaften in Europa teil. Wieso tut sich die EBU so viel schwerer, Kasachstan miteinzubinden? Wie schätzt Du das ein?
Die EBU hat sich immer schwer getan, neue Mitglieder aufzunehmen: Auch Armenien, Georgien und Aserbaidschan mussten jahrelang dafür kämpfen, als Vollmitglieder akzeptiert zu werden. Für das Kosovo hat man selbst nach fast 20 Jahren keine Lösung gefunden. Nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs hat die EBU zehn Jahre gebraucht, um mit der Einführung des Semifinals allen interessierten Mitgliedern eine regelmäßige ESC-Teilnahme zu ermöglichen. Hier sind die Sportverbände oft flexibler – und auch unabhängiger von politischen Strömungen. Bestimmt hat auch die Teilnahme an europäischen Sportwettbewerben in Kasachstan zu mehr Selbstbewusstsein geführt, um nun auch bei der Musik den Anspruch geltend zu machen, dass man Teil von Europa ist.

Wie steht es überhaupt um den Musikgeschmack der Kasachen? Wäre der ESC musikalisch aber auch in seiner sehr westlichen Inszenierung überhaupt interessant für breite Teile der Bevölkerung? Sollte es zu einer Teilnahme kommen, würde dann eher ein folkloristisch/traditioneller Beitrag zu bestaunen sein oder ginge man den internationalen Weg wie es z.B. Aserbaidschan über viele Jahre getan hat?
Hier lohnt wieder einmal der Blick zum Junior ESC, wo Kasachstan stets versucht hat, eine mehrheitsfähige Mischung aus internationaler Musik mit einigen geschickt eingestreuten nationalen Elementen – wie Sprache, Kostüme oder Instrumente – zu finden. Und damit war man sehr erfolgreich. Ein komplettes „Eurovisions-Outsourcing“ wie etwa in Aserbaidschan oder San Marino kann ich mir hier in Kasachstan nicht vorstellen.

Was hört man in den Clubs der kasachischen Großstädte oder auch im Radio normalerweise?
Der kasachische Musikgeschmack ist sehr divers: Neben Pop- und Ethno-Musik unverkennbar kasachischer Herkunft hört man vor allem angloamerikanische, russische, italienische und türkische Musik. Als Deutscher darf man sich nicht wundern, wenn bei der nächtlichen Taxifahrt auch mal laut Modern Talking, Scooter oder „Eins Zwei Polizei“ aus den Lautsprechern dröhnt.

Sollte es zu einer Einladung durch die EBU zum ESC 2026 kommen, was würde das auslösen? Möglicherweise eine große Vorentscheidung mit entsprechendem öffentlichen Interesse oder würde es eher im Kleinen und Verborgenen stattfinden?
Das ist schwer zu sagen – in den meisten Ländern entwickelt sich der Auswahlmodus erst mit der Zeit, und das wird auch in Kasachstan so sein.

Für wie groß schätzt Du die Wahrscheinlichkeit ein, dass wir 2026 in Österreich einen kasachischen Beitrag im Wettbewerb sehen werden?
Von Seiten des kasachischen Fernsehsenders Khabar TV gibt es eine klare Ansage pro ESC-Teilnahme. Der Ball ist nun bei der EBU und bei den (neuen) ESC-Verantwortlichen. Sie müssen entscheiden, ob man nach einigen Jahren des Ausschlusses sowie des freiwilligen Rückzugs mehrerer Länder jetzt ein Zeichen setzen möchte und ein  „neues Land“, das sich zu Europa bekennt, mit offenen Armen empfängt. Oder ob man sich in die engen Grenzen des „Good Old Europe“ zurückzieht.

Was wünscht Du Dir als Fan ganz persönlich wenn es um Kasachstan beim ESC geht?
Persönlich würde ich mich sehr über eine ESC-Teilnahme Kasachstans freuen. Falls es klappt, kommt gerne zur nationalen Vorentscheidung nach Astana – ich lade jeden, der sich auf den Weg macht, auf ein Glas Kumys ein (was das ist, das könnt ihr gerne selber googeln).

Ich danke Dir sehr, lieber Marco
Danke Dir, lieber Frank!

Wir sehen uns hoffentlich in Astana.
.

(Kasachstans Hauptstadt Astana, Foto: Tripadvisor)