
1. Mai 2022 Reinhard Ehret
Mit einem außergewöhnlich guten Englisch präsentierte sich sehr selbstsicher Rosa Linn aus Armenien beim letzten kleinen Tagesinterview im gespenstisch leeren Presseraum zu Turin. Wer dort „meetet und greetet“ ist in diesen Tagen wirklich die Frage. Online erlebte man immerhin eine ganz offenbar sehr in sich ruhende Sängerin, die den sichtlich aufgedrehten Fragesteller Mario Acampa erst einmal beruhigen musste. Denn der erklärte euphorisch, dass er ja Kommentator gewesen sei, als die kleine Maléna vorigen Dezember für Armenien den Junior-ESC gewonnen hatte. Die knapp 22-jährige Singer-Songwriterin Rosa Linn könnte also, im Falle des Triumphs, für einen „Doppelsieg“ Armeniens sorgen. Ob das klappen wird, bezweifeln viele, doch sie selbst scheint völlig in sich zu ruhen. Sie sei äußerst zufrieden mit der ersten Probe gewesen, bekannte sie. Vom Staging sei sie besonders angetan, denn es sei ganz nah bei ihr und bildete ihr Lied perfekt ab. Und dieses Lied („Snap“) ist ganz offenbar in einer sehr traurigen Lebensphase entstanden, wie sie eingestand. Rosa Linn schrieb es in niedergeschlagener Stimmung, will aber damit eine ihr besonders wichtige und optimistische Botschaft vermitteln: Man muss immer wissen, was tief in einem vorgeht; man muss ganz bei sich sein. Und wenn man dabei feststellt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, muss man etwas dagegen tun, damit man wieder glücklich werden kann. Also: Beschäftigt euch mehr mit euch selbst, liebt euch selbst, tut mehr für euch selbst und seid ehrlich und authentisch.
Richtig nett beantwortete sie die Frage, wie man denn in der tiefen Provinz sein Ziel umsetzen könne, Musikerin zu werden. Rosa Linn freute sich, darauf antworten zu dürfen, denn genau darum geht es ihr: Hör in dich hinein und stelle fest, was Du wirklich willst. Und sobald Du es weißt, verfolge dieses Ziel. Denn nur dann wird dir das Universum ? oder Gott, oder die Sonne oder die Natur oder das Schicksal ? die Gelegenheit dazu geben, deine Träume Wirklichkeit werden zu lassen.
Gefragt nach ihren Lieblingsliedern aus der Eurovisionsgeschichte konnte sie naturgemäß eher neuere Werke nennen: „Arcade“ und „Rise Like A Phoenix“ gehörten dazu, aber auch der diesjährige schwedische Beitrag hätte es ihr angetan. Mario ließ die eloquente Rosa noch sehr viel aus ihrer noch jungen Lebensgeschichte, aus Projekten und Gefühlen erzählen, sodass man nach diesen 20 Minuten eine äußerst sympathische und von ihrer Musik beseelte Sängerin kennengelernt hat ? auch oder vielleicht gerade weil sie nicht jedes Geheimnis preisgeben wollte.
Fotos: EBU
